{"id":599,"date":"2015-01-07T22:36:14","date_gmt":"2015-01-07T21:36:14","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.adminus.ch\/?p=599"},"modified":"2015-01-07T22:36:14","modified_gmt":"2015-01-07T21:36:14","slug":"ueber-lernende-leerende-und-lern-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.adminus.ch\/wp\/?p=599","title":{"rendered":"\u00dcber Lernende, Leerende und Lern-Ende"},"content":{"rendered":"<h2>Eine p\u00e4dagogische Polemik zum \u00abLehrplan 21\u00bb<\/h2>\n<h3>von John Wolf Brennan, Musiker, Weggis<strong>\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>Gerne erinnere ich mich an meine \u201cH\u00e4f\u00e4lisch\u00fceler\u201c-Zeit. Ich geh\u00f6re zu den ungez\u00e4hlten Absolventen, die ihre Ausbildung in grauer Vorzeit absolvierten \u2013 erinnert sich noch jemand an Heinrich Pestalozzi? \u2013 und r\u00e4tselhafterweise trotzdem einigermassen deutsch und rechnen lernten.<\/p>\n<p>Ich ging gern zur Schule. Als Importprodukt aus Irland hatte ich mit sieben Jahren das grosse Gl\u00fcck, tolle Lehrerinnen zu haben \u2013 von Fr\u00e4ulein Greter, die sechs Primarklassen aufs Mal im einzigen Schulzimmer auf Rigi-Kaltbad managte, \u00fcber Herrn Doppmann, der uns dank dem Wechsel vom Fr\u00fchling- auf den Herbstbeginn gleich 2\u00bd Jahre begleitete und im \u201c\u00fcberz\u00e4hligen\u201c Semester uns allen das Schwimmen beibrachte \u2013 sozusagen ein Seemester f\u00fcr kommende Seemeister \u2013 bis zu Herrn Birrer, der uns auch ausserhalb der Jugendriege zu einer eiserne Grundkondition verhalf, die bis in die Gegenwart anh\u00e4lt \u2013 vom \u00fcberh\u00e4ngend abseilen bis zu 20-Kilometer-Leistungsm\u00e4rschen. Seine fliegenden Bleistiftspitzer und Radiergummis bei fehlender Aufmerksamkeit sind legend\u00e4r.<\/p>\n<p>Also: Alles begann mal so \u00fcbersichtlich wie das 1&#215;1 und das ABC in der 1. Klasse: Lehrer hier, Sch\u00fcler da. Simple Namen. K\u00f6pfe statt Konzepte. Man h\u00f6rte sich zu, lernte lesen, schreiben, rechnen und auf dem Pausenplatz auch Andere zu tolerieren, selbst wenn sie aus dem Nachbardorf stammten.<\/p>\n<p>Simpel \u2013 viel zu simpel f\u00fcr die neunmalkl\u00fcgeren Lehrplanplaner. Diese haben ihren ganzen terminologischen Ehrgeiz und millionenschwere Resourcen in die Umwertung aller Werte geworfen \u2013 von der Autozulieferindustrie direkt ins Klassenzimmer. Seitdem d\u00fcrfen wir uns an der Rechtschreib-ReReReform und an all den d\u00e4m- und herr-lichen Neologismen unserer \u201cStandardsprache\u201d erfreuen.<\/p>\n<p>Ist doch Mega!<\/p>\n<p><strong>Vom Vor- zum Leidbild<\/strong><\/p>\n<p>Endlich d\u00fcrfen wir uns gl\u00fccklich \u201cLehrende\u201d, \u201cLernende\u201d und \u201dStudierende\u201c nennen. Das Budget hypertrophiert zum \u201cGlobalbudget\u201d, die kommune Unterrichtsvorbereitung zur Qualit\u00e4tssicherung nach DIN-Norm. Der Steinzeitbegriff \u201cEltern\u201c wurde zum Lebensabschnittspartnerschafts-Topservice (LAPTOPS) mit \u201cErziehungsberechtigten\u201c oder gar \u201cErziehungsverpflichteten\u201c. Lebendige Vor-Bilder wurden zu verschwurbelt-virtuellen Leit-Bildern schablonisiert, K\u00f6pfe in parit\u00e4tisch ausgewogenen, auf Konsens getrimmten Kommissionen diszipliniert \u2013 mit perfekt austarierten Hirn-Hemisph\u00e4ren. Auf dem Papier.<\/p>\n<h2><strong>Kompetenzkompotenzierung: aus 1&#215;1 mach 4753<\/strong><\/h2>\n<p>Der primitiven Primarschule der Antike (also vor 1995) wurde ein PROFIL verpasst, und das dazu notwendige Consulting-Personal muss ja \u2013 einmal eingestellt \u2013 munter weiter besch\u00e4ftigt werden. Nachdem zehn Jahre lang die (Re-)FORM \u00fcber die Inhalte gest\u00fclpt wurde, geht die Evolution des Erziehungsunwesens noch einen k\u00fchnen Schritt weiter: In der \u201cSchule mit Zukunft\u201c darf es um die INHALTE gehen. Da ist es nur konsequent, dass im neuen 550seitigen \u201cLehrplan 21\u201c nicht weniger als 4753 (in Worten: viertausendsiebenhundertdreiundf\u00fcnfzig!) Kom-pe-ten-zen isoliert, eruiert und propagiert werden, ohne die einfach nichts mehr geht. Lernende und Lehrende werden endlich zu berechenbaren Taschenrechnern. So altmodische Dinge wie unn\u00fctzes Wissen, Lernhunger und Neugier (im Dialekt gibt\u2019s daf\u00fcr das sch\u00f6ne Wort \u201cGwunder\u201d) sind gr\u00fcndlich wegrationalisiert. Fort-Schritte, wohin man blickt.<\/p>\n<h2><strong>B\u00fcrokratische Partogenese<\/strong><\/h2>\n<p>Am Nachschub von dickleibigen Berichten mit zahllosen Statistiken wird es auch diesmal nicht mangeln. Es lebe das papierlose B\u00fcro! Kein Ref\u00f6rmchen der Re-Reform ist unbedeutend genug, um nicht in Hochglanz verpackt und mit Tortendiagrammen aufgepeppt zu werden, bis hin zur signifikant h\u00f6heren Sozialkompetenz von Luftbefeuchtern \u2013 schliesslich ist dies f\u00fcr jedes Amt die ultimative Daseinsberechtigung. \u00c4mter zaubern sich l\u00e4ssig zuver-l\u00e4ssig selber aus dem Hut und sprechen sich selbstredend die Kompetenz zu, Kompetenzen kompetent zu konfekt- und kollektionieren. Die interkantonale Konferenz der Erziehungsdirektoren funktioniert wie Computer, die mit akribisch-akkurater Ausdauer lauter Probleme l\u00f6sen, die es ohne sie gar nicht g\u00e4be. Jungferngezeugte Fortpflanzung als In-Zucht der sterilen Art.<\/p>\n<p>Was mit diesem Leerplan 21 in der Praxis geschehen wird, steht freilich auf einem anderen Blatt. Vielleicht sind es ja nicht nur die Lernenden, die in die Lehre gehen m\u00fcssten, um das verheerende Lern-Ende abzuwenden. Schicken wir doch die gesamte \u201cClasse p\u00e9dapolitique\u201d wieder in die Schulbank und schalten beim \u201cLehrplan 21\u201c in den einzig richtigen \u2013 den Leergang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine p\u00e4dagogische Polemik zum \u00abLehrplan 21\u00bb von John Wolf Brennan, Musiker, Weggis\u00a0 Gerne erinnere ich mich an meine \u201cH\u00e4f\u00e4lisch\u00fceler\u201c-Zeit. 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