Der Wasserkopf der Fachhochschulen

Im Schnitt wenden die Fachhochschulen der Schweiz einen Drittel der Mittel für die Administration auf. Der Anteil ist in den letzten Jahren leicht gestiegen. Für die Lehre beträgt der Prozentsatz 49%. Die einzelnen Fachhochschulen weichen von diesen Mittelwerten zum Teil erheblich ab. Lesen Sie dazu den Text von Jörg Krummenacher in der NZZ vom 3.2.2018:
https://www.nzz.ch/schweiz/der-wasserkopf-der-fachhochschulen-ld.1353632

Thomas Kessler kritisiert die Regulierung unseres Lebens: Befreit uns!

Gastkommentar in der Aargauer Zeitung vom 30. Dezember 2017 von Thomas Kessler, ehemaliger Leiter Task Force Radikalisierung BS/BL.

Statt überbordender Ordnungsparagraphen ist es besser für eine Gesellschaft von Mündigen, mehr Anstand, Empathie und Zivilcourage zu zeigen. „So lässt sich nämlich ganz ohne Bürokratie gut arbeiten, feiern und gegenseitig helfen.“

https://www.aargauerzeitung.ch/kommentare-aaz/thomas-kessler-kritisiert-die-regulierung-unseres-lebens-befreit-uns-132037355

Wenn der Papierkram wichtiger ist als der Mensch

Bürokratie an Spitäler und Schulen

Wir möchten alles absichern. Deshalb muss alles bis zur kleinsten Kleinigkeit dokumentiert und in einem Bericht erfasst werden. Lesen Sie dazu den Wochenkommentar von Patrik Müller in der Schweiz am Wochenende vom 27. Juli 2017

https://www.schweizamwochenende.ch/kommentare-aaz/buerokratie-an-spitaeler-und-schulen-wenn-der-papierkram-wichtiger-ist-als-der-mensch-131563934

Kontrolle statt Selbstverantwortung

Der kalkulierte Angriff auf das Selbst

von Sina Bardill

Hartmann und Geppert zeigen in ihrem Buch mit dem Titel „Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus“ (erschienen 2008 im Verlag Assoziation A. in Berlin), mit welchen Mechanismen der Kapitalismus die Menschen dazu bringt, sich selbst, ihre Arbeitskraft in die Hände des Arbeitsmarktes zu geben und damit auch über ihr Selbst bestimmen zu lassen. Systematisch wird Unsicherheit und die Angst vor Abstieg und Ausschluss geschürt und aufrechterhalten, um Widerstand und Selbstsorge im Keim zu ersticken. Die Bürokratisierung von Arbeit kann in dieser Perspektive als Teil dieser Mechanik verstanden werden, weil sie Selbstverantwortung (und damit auch Selbstbewusstsein) durch Kontrolle in vielfältigster Form ersetzt.

Meine Frage an Hans Fässler, St. Gallen, von dem dieser Buchhinweis stammt:

Lässt sich diese Kapitalismuskritik auch auf die Bereiche Gesundheit, Bildung, Soziales etc. übertragen? Es ist doch sehr offensichtlich, dass durch die Überadministration die Produktivität in diesem Bereichen vermindert wird (und ginge es dem Kapitalismus nicht in erster Linie ums Kapital? – um es mal so salopp auszudrücken).

Hans Fässler antwortet in seiner Mail:

„Bezüglich deines sehr berechtigten Einwands, dass ja mit all dem bürokratisch-evaluatorischen Unsinn die Leistung der Arbeiter/innen in Gesundheit, Pflege, Bildung, etc. eher abnimmt, habe ich mir noch gedacht, dass vermutlich die „Herrschenden“ (ein etwas altmodischer Ausdruck, ich weiss) einerseits in ihrem neoliberalen Organisationsentwicklungswahn gar nicht mehr die Übersicht haben, wer wieviel leistet bzw. sich nicht getrauen, diese Frage zu stellen, weil es die ideologische Grundlage erschüttern würden. Und dass sie andererseits die bessere Lenkbarkeit und die Entsolidarisierung der Arbeitenden höher einstufen als die effektive Leistung.“

Eine Zusammenfassung des Buchs ist zu finden unter

http://www.grundrisse.net/buchbesprechungen/detlef_hartmann_gerald_geppert.htm

Über Lernende, Leerende und Lern-Ende

Eine pädagogische Polemik zum «Lehrplan 21»

von John Wolf Brennan, Musiker, Weggis 

Gerne erinnere ich mich an meine “Häfälischüeler“-Zeit. Ich gehöre zu den ungezählten Absolventen, die ihre Ausbildung in grauer Vorzeit absolvierten – erinnert sich noch jemand an Heinrich Pestalozzi? – und rätselhafterweise trotzdem einigermassen deutsch und rechnen lernten.

Ich ging gern zur Schule. Als Importprodukt aus Irland hatte ich mit sieben Jahren das grosse Glück, tolle Lehrerinnen zu haben – von Fräulein Greter, die sechs Primarklassen aufs Mal im einzigen Schulzimmer auf Rigi-Kaltbad managte, über Herrn Doppmann, der uns dank dem Wechsel vom Frühling- auf den Herbstbeginn gleich 2½ Jahre begleitete und im “überzähligen“ Semester uns allen das Schwimmen beibrachte – sozusagen ein Seemester für kommende Seemeister – bis zu Herrn Birrer, der uns auch ausserhalb der Jugendriege zu einer eiserne Grundkondition verhalf, die bis in die Gegenwart anhält – vom überhängend abseilen bis zu 20-Kilometer-Leistungsmärschen. Seine fliegenden Bleistiftspitzer und Radiergummis bei fehlender Aufmerksamkeit sind legendär.

Also: Alles begann mal so übersichtlich wie das 1×1 und das ABC in der 1. Klasse: Lehrer hier, Schüler da. Simple Namen. Köpfe statt Konzepte. Man hörte sich zu, lernte lesen, schreiben, rechnen und auf dem Pausenplatz auch Andere zu tolerieren, selbst wenn sie aus dem Nachbardorf stammten.

Simpel – viel zu simpel für die neunmalklügeren Lehrplanplaner. Diese haben ihren ganzen terminologischen Ehrgeiz und millionenschwere Resourcen in die Umwertung aller Werte geworfen – von der Autozulieferindustrie direkt ins Klassenzimmer. Seitdem dürfen wir uns an der Rechtschreib-ReReReform und an all den däm- und herr-lichen Neologismen unserer “Standardsprache” erfreuen.

Ist doch Mega!

Vom Vor- zum Leidbild

Endlich dürfen wir uns glücklich “Lehrende”, “Lernende” und ”Studierende“ nennen. Das Budget hypertrophiert zum “Globalbudget”, die kommune Unterrichtsvorbereitung zur Qualitätssicherung nach DIN-Norm. Der Steinzeitbegriff “Eltern“ wurde zum Lebensabschnittspartnerschafts-Topservice (LAPTOPS) mit “Erziehungsberechtigten“ oder gar “Erziehungsverpflichteten“. Lebendige Vor-Bilder wurden zu verschwurbelt-virtuellen Leit-Bildern schablonisiert, Köpfe in paritätisch ausgewogenen, auf Konsens getrimmten Kommissionen diszipliniert – mit perfekt austarierten Hirn-Hemisphären. Auf dem Papier.

Kompetenzkompotenzierung: aus 1×1 mach 4753

Der primitiven Primarschule der Antike (also vor 1995) wurde ein PROFIL verpasst, und das dazu notwendige Consulting-Personal muss ja – einmal eingestellt – munter weiter beschäftigt werden. Nachdem zehn Jahre lang die (Re-)FORM über die Inhalte gestülpt wurde, geht die Evolution des Erziehungsunwesens noch einen kühnen Schritt weiter: In der “Schule mit Zukunft“ darf es um die INHALTE gehen. Da ist es nur konsequent, dass im neuen 550seitigen “Lehrplan 21“ nicht weniger als 4753 (in Worten: viertausendsiebenhundertdreiundfünfzig!) Kom-pe-ten-zen isoliert, eruiert und propagiert werden, ohne die einfach nichts mehr geht. Lernende und Lehrende werden endlich zu berechenbaren Taschenrechnern. So altmodische Dinge wie unnützes Wissen, Lernhunger und Neugier (im Dialekt gibt’s dafür das schöne Wort “Gwunder”) sind gründlich wegrationalisiert. Fort-Schritte, wohin man blickt.

Bürokratische Partogenese

Am Nachschub von dickleibigen Berichten mit zahllosen Statistiken wird es auch diesmal nicht mangeln. Es lebe das papierlose Büro! Kein Reförmchen der Re-Reform ist unbedeutend genug, um nicht in Hochglanz verpackt und mit Tortendiagrammen aufgepeppt zu werden, bis hin zur signifikant höheren Sozialkompetenz von Luftbefeuchtern – schliesslich ist dies für jedes Amt die ultimative Daseinsberechtigung. Ämter zaubern sich lässig zuver-lässig selber aus dem Hut und sprechen sich selbstredend die Kompetenz zu, Kompetenzen kompetent zu konfekt- und kollektionieren. Die interkantonale Konferenz der Erziehungsdirektoren funktioniert wie Computer, die mit akribisch-akkurater Ausdauer lauter Probleme lösen, die es ohne sie gar nicht gäbe. Jungferngezeugte Fortpflanzung als In-Zucht der sterilen Art.

Was mit diesem Leerplan 21 in der Praxis geschehen wird, steht freilich auf einem anderen Blatt. Vielleicht sind es ja nicht nur die Lernenden, die in die Lehre gehen müssten, um das verheerende Lern-Ende abzuwenden. Schicken wir doch die gesamte “Classe pédapolitique” wieder in die Schulbank und schalten beim “Lehrplan 21“ in den einzig richtigen – den Leergang.

Manifest

download als pdf (58kb): Manifest Adminus

Wir sind:

Wir sind Menschen, die gerne arbeiten und unser Bestes geben, im Gesundheits­wesen, in der Bildung, im Sozialen, in der Verwaltung, im Kunstbetrieb, in der Wissenschaft oder in der Wirtschaft. Wir sind Menschen, die eigenverantwortlich und mit Herzblut unsere Arbeit tun wollen.

Wir wehren uns dagegen, dass unser Kerngeschäft zunehmend durch bürokratische Inhalte entwertet wird, die uns zu Leistungserbringerinnen, Statistikzulieferern, Formularausfüllern und Berichteverfasserinnen machen.

Für uns stehen die uns anvertrauten Menschen im Mittelpunkt. Wir verwenden unsere Zeit lieber für sie als für Qualitätsmanagement, Optimierungswut, Statistiken und Berichte, die am Ende keiner liest.

Wir fragen:

Was wird mit den erhobenen Daten gemacht? Wer liest sie? Wem bringen sie etwas?

Weiter fragen wir: Wie entsteht Motivation, womit zerstört man sie? Wo und wie wird die Arbeit und deren Erbringer wertgeschätzt? Was ist eine sinnlose, was eine sinnvolle Tätigkeit? Und wie wird eine Tätigkeit sinnerfüllt?

Wir halten fest:

In unseren anspruchsvollen Arbeitsfeldern müssen wir situationsgerecht und kreativ handeln. Dazu braucht es Gestaltungsfreiheit und Handlungsspielraum.

Wir wehren uns dagegen, unter Generalverdacht gestellt zu werden, dass wir inkom­petent und/oder faul und nur durch Misstrauen und Kontrolle zu Leistung zu bringen sind. Diese Haltung beleidigt und führt zur Aufblähung der Bürokratie. Die Kosten dafür gehen zu Lasten des Kernauftrags.

Wir empfinden Bürokratie und Administration zunehmend als missbräuchliche Macht­ausübung und ökonomisch kontraproduktive Manipulation, wodurch Emanzipation, Bildung und Selbst­bestimmung hintertrieben werden.

Durch Messung und falsche Anreize wird oft das Wesentliche einer Leistung ver­schlechtert. Daher lehnen wir künstlichen Wettbewerb ab und stehen dazu, dass wirkliche Qualität oft gar nicht messbar ist.

Immer mehr verschanzen sich die oberen Etagen hinter Labels, Checklisten, Experten, Statistiken und ausgelagerten Kompetenzen. Die permanente Fehlervermeidung führt zu menschlicher Kälte und dem Abschieben von Verantwortung.

Wir wollen wieder subjektive Verantwortung übernehmen statt mit Kennzahlen und Pseudoobjektivität zu neutralen Rädchen in einem anonymen System zu verkommen.

Wir glauben, dass im Interesse der Menschen und der Sache das Miteinander von Führungs- und Feldkompetenz möglich ist und zu menschengerechten Lösungen führt.

Wir vermuten, dass übergeordnete Stellen an guten Lösungen interessiert sind. Es fehlt aber oft das Wissen über die konkrete Situation im Alltag. Auf Grund unserer Nähe zu den Menschen und den Aufgaben wollen wir darum in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Wir appellieren:

Reduzieren wir die Administration auf das notwendige Minimum.

Entziehen wir uns, wenn immer möglich, dem Zugriff der Manipulation, Bürokratisie­rung und Überkontrolle.

Taten statt Daten!

Erstunterzeichnende:

Teilnehmende und Mitgestaltende der Initial-Tagung „Zur Sache! – Die Fesseln der Bürokratie sprengen“ von www.adminus.ch, 25. Oktober 2014 in Zürich

Esther Wydler – Linard Bardill – Christof Arn – Sina Bardill – Hermann Knoll – Peter Hablützel – Walter Gabriel – Robert Merz – Margrit Dobler – Susi Zeller – Claudia Lobsiger

MANIFEST UND PETITION UNTERZEICHNEN: hier klicken: wp.adminus.ch/petition

download als pdf (58kb): Manifest Adminus

Bürokratie hat einen grossen Magen – eine Annäherung

von Peter Hablützel
(Zusammenfassung des Referats an der Adminus-Tagung vom 25.10.2014)

Seit ein paar Jahren nimmt die Bürokratiekritik spürbar zu. Aber es ist nicht mehr dieselbe Kritik wie in den 1980er und 1990er Jahren. Damals wurden Staat und Staatsverwaltung von Bürgern und Steuerzahlern kritisiert, weil sie viel zu teuer seien und der Gesellschaft mit einer Gesetzesflut jede Freiheit raubten. Heute konzentriert sich die Kritik auf – staatsnahe und private – Betriebe und Organisationen v.a. im Bereich von Gesundheit, Sozialem und Bildung. Und die schärfste Kritik kommt nicht von ausserhalb, sondern aus dem Innern dieser administrativen „Monster“, wo eine Misstrauenskultur herrsche und rigorose Kontrollsysteme gerade die engagiertesten Mitarbeitenden demotivierten.

Bürokratie und Bürokratiekritik scheinen sich also im Laufe der Zeit zu verändern. Ich versuche deshalb, mit einem Phasenmodell die Begrifflichkeit als Analyseinstrument etwas zu schärfen:

  1. Vor- und Frühformen von Bürokratie

Antike bis 19. Jahrhundert. Führung von Grossorganisationen nach militärischem Vorbild. Soldaten, Befehl und Gehorsam, Personen, hierarchische Positionsmacht bis hin zu Willkür und Gewalt.

  1. Klassische Bürokratie

Späteres 19. und 20. Jahrhundert. Führung von Grossorganisationen nach Regeln. Beamte (auch in der Privatwirtschaft: „Bankbeamte“), Verfahren, Schriftlichkeit, Gesetz, Legalitätsprinzip und Rechtsstaat. Darauf stützt sich Max Weber (1864-1920) bei seiner Konstruktion der Bürokratie als Idealtyp. Er glaubte, Bürokratie sei die rationalste Form von Herrschaft und Vorbild für den öffentlichen und privaten Bereich. Doch die Beamten waren kein Schutz für die Demokratie; sie erwiesen sich leider auch faschistischen und kommunistischen Despoten gegenüber als loyal.

  1. Neue Bürokratie

Seit ca. 1990 (Finanzmarktkapitalismus). Neoliberale De-Regulierung (die später wieder eine Re-Regulierung nötig machte). Führung von Grossorganisationen nach dem Prinzip der Maximierung des finanziellen Gewinns (oder Kosteneffizienz). (Selbst-)Manager im System von Zielen, Indikatoren, Performance Measurement (auch Qualität soll messbar werden), sinnlose Wettbewerbe. NPM (New Public Management) mit Delegation von Kompetenz, aber rigorosen Kontrollen (Principal-Agent-Problem wie in der Privatwirtschaft): Der Manager versteht sich als Subjekt, ist aber das Objekt des Systems.

Die neoliberale Ent-Bürokratisierung hatte gerade wegen der Managementtools eine Re-Bürokratisierung zur Folge. Insofern hat Bürokratie wirklich einen grossen Magen. Die drei Typen von Bürokratie kommen natürlich auch in Mischungsverhältnissen vor.

Wenn Fortschritt den Rückschritt erzwingt

von Claudia Brunner

Welchen Beruf habe ich eigentlich gelernt? Informatikerin? Bürofachangestellte? Oder doch irgendwann einmal Krankenschwester, bzw. Pflegefachfrau?

Solche Fragen beschäftigen mich, wenn ich mit zappelnden Beinen im Spitexzentrum vor einem dieser Computer sitze. Seit geraumer Zeit versuche ich, die Software zu überreden, doch bitte die Pflegediagnose «Selbstpflegedefizit: Körperpflege» anzunehmen. Leider gelingt es mir nicht, da die Wahrscheinlichkeit dazu keine 10 Prozent beträgt. Ich kann also die Diagnose nicht verifizieren lassen und muss stattdessen «beeinträchtigte Mobilität» wählen. Ich dachte, ich würde die Kundin besser kennen. Vielleicht aber mache ich wirklich einen Überlegungsfehler, entweder im Umgang mit der Software oder tatsächlich im Zusammenhang mit der hilfsbedürftigen Kundin. Es ist einfach absurd. Ich möchte lediglich in einem banalen Satz schreiben, dass die Kundin für ihre Sicherheit Unterstützung beim Duschen benötigt. Wohl zu wenig akademisch und zu banal. Noch sehe ich nicht, worin der heutige Fortschritt die Arbeit zwischen uns Menschen vereinfachen soll.

Der Versuch, den Menschen in seinem so wunderbar komplexen Wesen und Umfeld zu schematisieren, mag mutig und für Berechnungen interessant sein. Doch wenn sich unser Handeln und Verhalten zunehmend nach diesen Schemen ausrichten, dann betrachte ich diesen Versuch als irreführend und sogar als fahrlässig. Das instinktive Reagieren wird durch Kompetenzeinschränkungen erschwert.

In der Praxis ist das Diagnostizieren und Schematisieren in allen möglichen und noch so todesnahen Lebenslagen jedoch längstens Realität. Denn nur so kann abgerechnet werden, und wo das Geld verlockend klimpert (und dennoch fehlt), muss zwingend streng abgerechnet werden. Aber wie leicht vertrauen wir dem, was auf Papier oder bald nur noch auf dem Bildschirm steht.

In diesem Beruf, der so sehr auf Zwischenmenschlichkeit basiert und Fähigkeiten verlangt, die niemals digital erfasst werden können, empfinde ich die Elektronik als störend. Meist raubt sie mir wertvolle Zeit, weil sie, wie wir Menschen, nicht einwandfrei funktioniert. So ist die scheinbar gewonnene Zeit bald wieder verloren.

Aber was, wenn ich die Arbeit nicht mehr mit meinen Idealen vereinbaren kann? Habe ich mich in meinem Beruf verfehlt? Hat der rasche Fortschritt mich überholt? Bin ich zu idealistisch? Und warum entfernen wir uns immer mehr von dem, was uns gesund machen könnte?

Ich kann gehen, dieses Privileg habe ich noch. Ist es feige? Oder einfach eine ehrliche Konsequenz? Was, wenn alle gehen könnten, die wollen? Was geschieht mit den Zurückbleibenden? Wird dann die Realität vom Büro aus überwacht? Und wer versorgt die Realität? Roboter?

Ich versuche mit diesen Gedanken ein lesbares Zeichen zu setzen. Ein Zeichen der Unzufriedenheit, der fehlenden Sorgfalt, der vielen unbeantworteten Fragen, der zu hohen Geschwindigkeit, und ein Zeichen zur Erinnerung, dass wir alle noch immer als geniale Menschenwesen in individueller und durchaus verletzbarer Sensibilität leben.

 

Die Autorin, Claudia Brunner, gelernte Pflegefachfrau aus Zürich, hat vor kurzem resigniert ihren Beruf an den Nagel gehängt. Kontakt: claudia_br20@hotmail.com

Mehr zum Thema Bürokratie im Schwerpunktheft «Formularkrieg»